Mittwoch, 21.11.2018

Aufgespießt

Stiften gehen… oder wie lässt sich Nachfrage steuern

07.05.2012 13:56

Eine kritische Betrachtung zur „Hygiene-Studie“ der „Stiftung Gesundheit“

 

Stiftungen sind selbstlos, dienen den Armen und Hilfsbedürftigen und nicht dem eigenen Gewinnstreben und der eigenen Profitmaximierung der Stifter. So jedenfalls ist die allgemeine Einschätzung. Einst hatten mildtätige Überlegungen die Einrichtungen sozialer Stiftungen wie Hospitäler, Waisenhäuser und andere gemeinnützige Einrichtungen zur Folge. So wirkt beispielsweise die im Mittelalter gegründete „Fuggerei" mit ihren Sozialsiedlungen bis heute fort, ebenso die Stiftung „Bürgerspital zum Heiligen Geist" in Würzburg aus dem Jahr 1316. Heute müssen wir uns damit abfinden, dass Stiftungen zunehmend aus Gründen der Steuergestaltung etabliert werden; denn gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Stiftungen sind von den meisten Steuern befreit. Die komplexen Rechtsformen sind nur noch durch Fachleute zu durchschauen. Reine Selbstlosigkeit - das war einmal, und seit Großunternehmen wie Lidl und Bertelsmann „stiften gegangen" sind, scheint sich der Trend zu verfestigen. Zudem erhält der eigentliche Beweggrund zur Einrichtung einer Stiftung durch den Nimbus der Gemeinnützigkeit in der Außenwirkung einen positiven Anstrich. Zweifel an der Gemeinnützigkeit bleiben oftmals erlaubt. Die Attraktivität wird dadurch verstärkt, dass sich die meisten Stiftungsbehörden mit einem Ausstattungskapital von mindestens 25.000,- Euro begnügen. So kann es nicht wundern, dass seit 2001 in Deutschland weitere 817 Stiftungen zu den rund 19.000 bestehenden hinzugekommen sind.

Die „Stiftung Gesundheit"

Obwohl die „Stiftung Gesundheit", ebenso wie die „Bertelsmann-Stiftung" (s. auch http://tinyurl.com/7e8vk99), mit geschmeidiger Wortakrobatik versucht, eine Gemeinnützigkeit zu konstruieren, bleiben die wahren Hintergründe - um es vorsichtig auszudrücken - umstritten. So sieht die „Stiftung Gesundheit", die keine Mitglieder aufweist, ihre satzungsgemäßen Aufgaben als „zertifizierter Ratgeber" darin, „Transparenz im Gesundheitswesen zu fördern und praktische Orientierungshilfe einem möglichst breiten Publikum zu bieten", und dies insbesondere durch „Aufbau und Führung eines Ärzteregisters, die Arzt-Auskunft"- eine umfangreiche Datenbank, die 1997 „von der Stiftung ins Leben gerufen" wurde. Einen weiteren Wirkungsbereich sieht die Stiftung im Service des „Medizinrechts-Beratungsnetzes", das zumindest ein kostenloses anwaltliches Orientierungsgespräch in Sachen Medizinrecht verspricht. Der „jährliche Deutsche Medizinrechtstag" wird von der „Stiftung Gesundheit" gemeinsam mit „Medizinrechtsanwälte e. V." veranstaltet. Insofern wäre zusammenfassend die Frage berechtigt, ob nicht jede Werbeagentur bereits als gemeinnützig gelten kann.

„30 % der befragten Mediziner bezeichnen das Hygiene-Niveau in der eigenen Praxis als schlecht oder mittelmäßig."

Studie auf wackligen Beinen

Nun macht die 1996 gegründete und rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts „Stiftung Gesundheit" mit der „Studie" zum Thema „Qualitätsmanagement, Patientensicherheit und Hygiene in der ärztlichen Praxis 2012" (http://tinyurl.com/d8mz8ej) von sich reden und kommt dabei nach Auswertung von  bundesweit (!)  290 Online-Befragungen unterschiedlichster ZahnArztgruppen bei einer Antwortquote von nur 3.04 % zu einem vernichtenden Ergebnis in Sachen Hygiene. Demnach beurteilen rund 30 % der befragten Mediziner das Hygiene-Niveau in der eigenen Praxis als schlecht oder mittelmäßig. Wörtlich, und nicht ohne Selbstüberhöhung, heißt es dazu: „Hier hat das Vertrauen in die Marke „Stiftung Gesundheit" zu einer erstaunlichen Offenheit in der Selbsteinschätzung geführt: So bescheinigten sich mehr als fünf Prozent der Responder selbst ein schlechtes, weitere 24,4 Prozent ein nur mittelmäßiges Hygiene-Niveau. Ähnliche Werte zeigten sich bei der Hände-Desinfektion. Grundsätzlich ist Hygiene für immerhin ein Viertel der ambulanten Praxen von wesentlicher Bedeutung, ein weiteres Drittel hat zumindest gelegentlich damit zu tun." 

Dass ein solches Ergebnis nicht realitätskonform ist, sondern der Art der Fragestellung und dem Freiheitsgrad bei der Interpretation der Antworten geschuldet ist, ist naheliegend. So ist es weniger die Tiefe der statistisch auf tönernen Füßen wackelnden Veröffentlichung, sondern die Botschaft, die wieder einen ganzen Berufsstand durch eine nicht-repräsentative „Studie" in eine Art Rechtfertigungssituation bringen soll. Warum, so muss man sich fragen, lässt die „Stiftung Gesundheit" eine von ihrem Ableger „GGMA Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse mbH" durchgeführte  „Studie" heraus, vor deren Laienhaftigkeit offenbar auch die Presse zurückschreckt. Zur Laienhaftigkeit kommt allerdings noch Durchsichtigkeit, wenn man erfährt, dass die Firma „Becton Dickinson GmbH, Heidelberg", die „Studie" durch „eine Zuwendung" unterstützt hat. Die Firma (Becton, Dickinson and Company) ist ein weltweit tätiges Medizintechnologie-Unternehmen, das sich u. a. mit der Diagnose von Infektionskrankheiten und der Herstellung von medizinischen Einmalartikeln und Geräten beschäftigt. „Der Sponsor hatte keine Befugnisse hinsichtlich der Fragen, der Auswertung und der Publikationsentscheidung durch die Stiftung Gesundheit" lässt der Herausgeber wissen. Ein Schelm, wer (nicht) Böses dabei denkt.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass ein angeblicher massiver Hygienemangel in den Praxen postuliert werden soll, um den Absatz entsprechender industrieller Hilfsmittel sowie praxisbegleitender Serviceleistungen zu forcieren. Klartext: Einsatz von mehr Desinfektionsmitteln, um Keime bis in die Kanalisation hinein zu verfolgen und Aufwertung von Service-Gesellschaften, die wiederkehrende, zusätzliche und zum Teil realitätsferne Dienstleistungen auf dem Hygienesektor andienen. Gegenwärtig haben Industrie und Dienstleister die Trinkwasserversorgung in zahnärztlichen Praxen als potentielle Infektionsquelle ausgemacht und für sich als Umsatzgenerator entdeckt. Da kommt ein veröffentlichter und angeblicher Hygienemangel in den Praxen als flankierende Maßnahme gerade recht. Politische Lobbyarbeit in Brüssel und anderswo wird den Rest erledigen. Ganz nebenbei: Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz konnte anlässlich einer Veranstaltung des Wirtschaftsrats der CDU 2011 die Gastfreundschaft bei „Becton Dickinson GmbH, Heidelberg" genießen.

Kommerzieller Hintergrund

Zurück zur „Stiftung Gesundheit". Der kommerzielle Hintersinn erscheint erst nachgelagert in Form der diversen Beratungs-, Zertifizierungs- und Begutachtungs-Unternehmen. Während die „Stiftung" den Umhang der Gemeinnützigkeit trägt, geben die Kooperationspartner ihre geschäftlichen Ansprüche deutlich zu erkennen. Besonders interessant sind dabei die personellen Verflechtungen der Unternehmen, die zumeist am Sitz der „Stiftung Gesundheit" in der Behringstraße in Hamburg angesiedelt sind.

So, wie im Fall der Bertelsmann-Stiftung die persönlichen Verflechtungen der Stiftung mit der Familie Mohn bestehen, so nimmt bei der „Stiftung Gesundheit" deren Vorstandsvorsitzender Dr. Peter Müller eine zentrale Stellung ein. Er ist zugleich, wie es auf der Homepage heißt, „Mitwirkender" bei der „Fördergemeinschaft Stiftung Gesundheit", die die Förderung der Tätigkeit der gemeinnützigen Stiftung Gesundheit  durch Einwerbung von Stiftungsmitteln wie Geld- und Sachspenden, letztwilligen Verfügungen und dergleichen im Auge behält. Dr. Müller, der u. a. auf eine 25jährige Arbeit als Medizinjournalist verweist, ist gleichzeitig im Vorstand des „Medizin-Management-Verband e.V.", einer „Vereinigung der Führungskräfte im Gesundheitswesen" in der Parkallee in Hamburg, die u. a. mit „Hygiene in Klinik und Praxis" und der „Patienten- und Ärzteansprache von Industrieseite" befasst ist.

Als weiteres Vorstandsmitglied bei „Stiftung Gesundheit" fungiert Prof. Dr. Peter Oberender, der zugleich vertretungsberechtigter Gesellschafter bei Oberender & Partner ist, einem „Beratungspartner für medizinische Leistungserbringer wie Kliniken, sowie für die Industrie & Dienstleister im Gesundheitsumfeld, beispielsweise Pharmaunternehmen."

In ständiger Zusammenarbeit mit der „Stiftung Gesundheit" wird Prof. Dr. Dr. Obermann genannt, der für die „connectHealthcare" tätig ist, die „zielgruppenspezifische Kommunikations-Strategie - maßgeschneidert für Ihr Unternehmen" entwickelt. Gleichzeitig ist er wissenschaftlicher Leiter der „GGMA Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse mbH" im Hamburg. Ein weiterer ständiger „Zusammenarbeiter" ist Stefan Winter als Vorstand der VCmed AG, die als „Full-Service-Dienstleister" Internetauftritte und Suchmaschinenoptimierung für Arztpraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) konzipiert. Ebenso in der Behringstsraße 28 firmieren die Partnerunternehmen „Medizin-SEO"(„damit sie bei Google schneller gefunden werden") und der „Medienbüro Medizin - Der Ratgeberverlag GmbH".

Mit dieser Aufzählung soll es gut sein, bevor es den Leser langweilt oder ihm schwindelig wird. Ganz sicher sind alle Verflechtungen juristisch nicht zu beanstanden, allerdings wird allemal deutlich, dass sich im Hintergrund der gemeinnützigen „Stiftung Gesundheit", die nur das Wohl von Ärzten, Patienten und der Gesellschaft im Auge zu haben vorgibt, allerlei geschäftliches Interesse tummelt, und zwar unter demselben Dach. Und unter diesem Gesichtspunkt ist wohl auch die „Studie" einzuordnen, auf die inhaltlich einzugehen, sich verbietet.

Und zum Schluss noch eine erfreuliche Nachricht: Es gibt auch Stiftungen, bei denen man absolut sicher sein kann, dass sie ohne geschäftlichen Hintersinn geführt werden und ausschließlich der Wohlfahrt von in Not geratenen Menschen dienen. Zu ihnen gehört allemal das Hilfswerk Deutscher Zahnärzte (HDZ).

Dr. Michael Loewener, Wedemark

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