Freitag, 20.07.2018

Aufgespießt

GKV-Spitzenverband igelt sich ein

17.10.2012 08:51

 

Viel Feind, viel Ehr'. Das scheint das vordergründige Leitmotiv des GKV-Spitzenverbandes zu sein, der sich durch den hauseigenen „Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund - MDS" in einer aktuellen Pressemeldung sekundieren lässt. Neben der Zielgruppe „Arzt" gerät nun der „Zahnarzt" ins Fadenkreuz der selbsternannten Patientenretter.

Nach monatelangem Trommelfeuer gegen die Ärzte, unterfüttert mit diversen und zum Teil abenteuerlichen Auftrags-Studien aus der eigenen Werkstatt, hatte der Spitzenverband ein Feindbild entworfen, das einen ganzen Berufsstand in die Nähe der Räuberei stellt.  Dermaßen „sensibilisiert" entdecken die Medien fast täglich neue Schrecklichkeiten, mit denen Weißkittel versuchen, ihre hilflosen Patienten, nachdem sie mit Behandlungsversprechen in die Praxen gelockt wurden, beidhändig über hochglanzpolierte Tische zu ziehen, um sie gnadenlos auszuplündern. Wie friedvoll könnte die Welt ohne diese „Leistungserbringer" sein, die für ihre Arbeit auch noch Geld sehen wollen - schnödes Geld! Wie unethisch!

Dabei zieht die laufende Kampagne gegen die „Professionelle Zahnreinigung" nicht einmal das Honorar für die PZR in Zweifel, die im Rahmen der Novellierung der Gebührenordnung für Zahnärzte [GOZ] zum Jahresbeginn in den Katalog der medizinisch notwendigen Leistungen aufgenommen wurde. Sie setzt vielmehr an der Evidenz - am Nachweis einer Wirksamkeit - an und stellt sie in Frage.

Robin-Hood-Syndrom oder Entmündigung der „Kunden"

Nun haben die „Wissenschaftler des IGeL-Monitors" in Studien zur  Professionellen Zahnreinigung [ PZR ] festgestellt, dass es „...weder Hinweise auf einen Nutzen noch auf einen Schaden..." gibt. Erleichterung im Berufsstand:  Immerhin wird kein „Schaden" durch zahnärztliches Handeln attestiert, wie er Ärzten bei der Erbringung diverser „Individuellen Gesundheits-Leistungen" gelegentlich unterstellt wird.

Folgt man jedoch den Leistungsversprechen einer überwältigenden Mehrheit unter den Gesetzlichen Krankenkassen, die der GKV-Spitzenverband so lautstark vertritt, dann wird sehr schnell deutlich, dass sich die Spitzencrew in ihrem Eifer weit von der Lebenswirklichkeit der Kassenbasis entfernt hat. Nahezu alle GKV-Kassen haben nämlich ein Bonussystem im Programm, dass die PZR zumindest bezuschusst. Zuschüsse für Leistungen, deren Nutzen nicht erwiesen ist? Ein Werbegag, ein „Zuckerl" im Kampf um Mitglieder? Wohl kaum. Offensichtlich sind die einzelnen Kassen näher an der Realität und am Patienten als deren Verbandsspitze. Und das in einer Zeit, in der ein Leben ohne Evidenzbasierung kaum noch möglich erscheint, in einer Zeit, in der die Kontrolle der Kontrolle wichtiger zu werden droht als die offensichtlich erfolgreiche zugrunde liegende Leistung.

Bleibt zu fragen, was die Kassenoberen zu ihren Aktionen treibt. Die alleinige Sorge um das finanzielle und physische Wohl ihrer Mitglieder [Kunden] wird es kaum sein, sonst würden die Krankenkassen nicht ausgerechnet von Kranken die sogenannte Praxisgebühr durch Ärzte eintreiben lassen. Und sie würden nicht Milliarden an Mitgliedsbeiträgen horten und zur gleichen Zeit ärztliche Leistungen unvergütet lassen. Es müssen andere Gründe sein. Vielleicht der allzu menschliche Wunsch nach Macht und Einfluss im Allgemeinen, nach Bevormundung von Patienten und Vertragspartnern im Besonderen und nach Absicherung der eigenen Existenzberechtigung. Nicht mehr!

Der Berufsstand - und damit ist jede einzelne Zahnärztin und jeder Zahnarzt angesprochen - erlangt den größten Freiraum und die größte Stärke dadurch, dass er sich ungeachtet der laufenden und zukünftigen Kampagnen und ungeachtet der wirtschaftlichen Zwänge unbeirrt dem Berufsethos verpflichtet fühlt. Schließlich liegt darin die Ursache für das hohe Ansehen, das der ärztliche Berufsstand in der Bevölkerung genießt, und um das ihn Politiker und Kassenobere gleichermaßen beneiden.

Dr. Michael Loewener                                                                                                               Wedemark                

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