Mittwoch, 24.01.2018

Aufgespießt

„Fachzahnarzt für Allgemeine Zahnheilkunde“ - Versorgungsnotwendigkeit oder geniale Geschäftsidee?

28.07.2011 21:55

 

Nach Bekanntwerden eines Textentwurfs zur Novellierung des hessischen Heilberufegesetzes gibt es in allen Teilen der Republik heftige Reaktionen der zahnärztlichen Gremien. Mit deutlicher Mehrheit waren sie sich schon im Vorfeld in der Beschlusslage darüber einig, dass die Schaffung weiterer Fachzahnarztgebiete weder zielführend noch notwendig ist.

Nun ist der hessische Kammerpräsident Dr. Michael Frank, der als Befürworter der Einführung des „Fachzahnarztes für Allgemeine Zahnheilkunde" gilt, durch das Bekanntwerden der in Hessen geplanten Änderungen des Heilberufegesetzes in Bedrängnis geraten. Der Berufsverband der Allgemeinzahnärzte (BVAZ) fordert Frank sogar dazu auf, von seinem Amt als Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer zurückzutreten. Weitere Missbilligungen aus den Ländern sind die Folge.

Im Hintergrund dieser teils heftigen Reaktionen steht die Vermutung, dass die hessische Zahnärztekammer unter Führung ihres Präsidenten Dr. Michael Frank Einfluss auf die entsprechenden Formulierungen im hessischen Novellierungs-Entwurf genommen hat, um den „Fachzahnarzt für allgemeine Zahnheilkunde" in einem Spiel über die Bande im Heilberufegesetz zu implementieren und damit gängig zu machen.

Welches mögen die Gründe sein, für die sich soviel Aufwand und innerkollegialer Verschleiß lohnen? Spontan fallen zunächst die üblichen Verdächtigen ein - Geld, Macht, Eitelkeit und mit  Wohlwollen auch der Gestaltungswille und schließlich der hehre Wunsch, alle Optionen für mögliche zukünftige Entwicklungen offen zu halten. Mit dem letztgenannten Argument versucht Frank nun in einer Art Rechtfertigungsschreiben an Kammern und Kassenzahnärztliche Vereinigungen diese von der Lauterkeit hessischer Überlegungen zu überzeugen.

Zu klären wäre auch die Frage nach dem Nutzen der Einführung eines neuen Fachzahnarztes für die Kollegenschaft und die noch spannendere Frage nach dem Potential für andere?

Die grundlegende Einigkeit in der Ablehnung weiterer Fachzahnarztbezeichnungen lässt sich mit der Tatsache begründen, dass die Zahnheilkunde an sich bereits eine ärztliche Spezialisierung darstellt und  beispielsweise im Bereich der Augenheilkunde ebenso wenig einen Facharzt für allgemeine Ophthalmologie zu finden ist wie ein Facharzt für allgemeine Dermatologie bei den Hautärzten.  Nach einem fünfjährigen Studium darf mit Recht erwartet werden, dass die Ausbildung in allen Disziplinen der Zahnheilkunde im universitären Lehrbetrieb so umfänglich ist, dass sie zur Ausübung der „allgemeinen Zahnheilkunde" befähigt. Die Notwendigkeit der permanenten Fortbildung ist selbstverständlich und bleibt davon unberührt.

Die Frage nach dem Nutzen für andere indes lässt sich leicht  beantworten. Dass sich mit dem Phänomen der „Masteritis" eine Menge Wissen, aber auch Geld und Eitelkeit vermitteln bzw. generieren lässt, ist hinreichend bekannt. Weitaus interessanter wird der Markt mit der Schaffung des „Fachzahnarztes für Allgemeine Zahnheilkunde"; denn dieser „Fachzahnarzt" ist von der Begrifflichkeit und vom Tätigkeitsbereich her eng mit dem verbunden, womit sich jeder Zahnarzt  vom Morgen bis zum Abend beschäftigt. Wenn man diesem Zahnarzt jetzt für seine Tätigkeit  noch einen Titel „verkaufen" könnte, käme das einem Geniestreich gleich. Als „Verkaufsveranstalter" sind die Kammern im Gespräch, die ihre Haushalte auf diese Weise nachhaltig aufbessern könnten, um nicht in die Bredouille von Beitragserhöhungen zu geraten. Und mit böser Phantasie ließen sich die Einnahmen aus Rezertifizierungs-Maßnahmen zu einem festen Haushaltstitel prolongieren.

Bereits im Oktober des letzten Jahres hat die Zahnärztekammer Hessen gegenüber dem hessischen Sozialministerium „rein vorsorglich" die Aufnahme der Gebietsbezeichnung „Allgemeine Zahnheilkunde" in das Heilberufegesetz empfohlen. In dem Gesetzentwurf ist ferner die Rede davon, dass ein „Bedürfnis der Zahnärzteschaft" nach einer neuen Gebietsbezeichnung bestehe. Diese Passage, so Frank, sei nicht durch die Kammer, sondern durch den „Schreiber" des Gesetzentwurfes veranlasst worden.

Allemal interessant ist diese Entwicklung auch für diverse Fortbildungsinstitute, an denen sich diejenigen Hochschullehrer ein Zubrot verdienen, die neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit  an den Hochschulen offensichtlich noch freie Kapazitäten besitzen. Spontan muss man an die Stadt Krems bei Wien und den damit verbundenen Namen des ehemaligen Mitherausgebers der DZW denken, deren jetzige Chefredakteurin in dieser Situation beschwichtigend von „Denkverboten" abrät. Darin kann man ihr nur zustimmen; allerdings muss auch das bisher Undenkbare gedacht werden; es muss daran gedacht werden, dass  wenige ein opulentes Geschäft zu Lasten eines ganzen Berufsstandes tätigen könnten, und dass allem Anschein nach an der Weichenstellung mit Nachdruck gearbeitet wird.

Wenn man sich vorstellt, dass sich nur ein Viertel der deutschen Zahnärztinnen und Zahnärzte in der Situation sähe, diesen Standard-Titel zu erwerben, dann ergäbe sich daraus ein zweistelliges Millionen-Geschäft. Ein Geschäft, das in dem Maße Eigendynamik entwickelt, in dem der Konkurrenzdruck der Kolleginnen und Kollegen zunimmt.

Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, ob es dem hessischen Kammerpräsidenten und Vizepräsidenten der Bundeszahnärztekammer Frank gelingen wird, den Kopf aus der politischen Schlinge zu ziehen und ob sich die berufspolitischen Entscheider in Kammern und KZVen davon überzeugen lassen, dass das ganze Procedere doch völlig harmlos und nur als „Handlungsoption für den Berufsstand" zu sehen sei. Noch wichtiger scheint allerdings die Frage zu sein, ob es nach dieser Ouvertüre noch gelingen wird, dem Gesetzgeber die Unsinnigkeit eines "Fachzahnarztes für Allgemeine Zahnmedizin" plausibel zu machen.

loe

 

 

 

 

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