Freitag, 24.11.2017

Aufgespießt

„Ein krankes System“

19.11.2015 13:38

Unveröffentlichter Leserbrief zum Kommentar in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) vom 6.11.2015

Unter der Überschrift „Ein krankes System“ wird  in einem  Kommentar der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ)  vom 06.11.2015 versucht, die Problematik der elektronischen Gesundheitskarte mit wenigen Sätzen zu umreißen. Dabei werden leichtfüßig Schuldzuweisungen für das bisherige Scheitern der eGK zugewiesen, die sich stark an die hilflosen Verlautbarungen  aus dem Bundesgesundheitsministerium anlehnen. Zweifelsfrei scheitert die Karte derzeit an der technischen Umsetzbarkeit in Verbindung mit mangelnder  Datensicherheit. Hard- und Softwarehäuser können nicht (rechtzeitig)  liefern. Bis zum heutigen Tag hat das Projekt eGK rund eine Milliarde Euro verschlungen. Weitere Milliarden werden folgen. Geld, das die Krankenkassen aus Beiträgen ihrer Versicherten bereitstellen müssen und das gleichzeitig der Versorgung von Kranken entzogen wird. Der Kommentator sieht neben der Industrie die Ärzte als Bremser: Diese würden die eGK „nach Kräften hintertreiben“ und ablehnen, „um Transparenz für Patienten zu verhindern“, behauptet der Kommentator. Darin zeigt sich jedoch ein erschreckend eindimensionales Denkmuster, das dem medial  befeuerten Feindbild „Arzt“ zu folgen scheint. In der Tat lehnt die (Zahn)Ärzteschaft die eGK vehement ab. Keinesfalls aber, um Patienten vom Fortschritt und Sicherheitsgewinn auszuschließen, sondern um das Prinzip der absoluten Vertraulichkeit zwischen Patient und Arzt zu wahren – das Arztgeheimnis, das den Politikschaffenden offensichtlich weniger wichtig erscheint. Wenn es nur darum ginge, Medikation, Gesundheits- und Notfalldaten auf der Karte zu hinterlegen, dann würde die derzeitige Krankenversichertenkarte oder ein Heftchen ausreichen, das der Patient mit sich führt oder dem Arzt seines Vertrauens und nicht der gesamten digitalen Welt zur Verfügung stellt.  Die (Zahn)Ärzteschaft geht vielmehr – gestützt durch unabhängige  Expertengutachten - davon aus, dass die von der Politik geforderte zirkulierende Datenautobahn mit unzähligen „Auf- und Abfahrten“ um nichts in der Welt auf Dauer sicher vor Hackerangriffen sein kann. Wer diese Tatsache negiert, hält auch Edward Snowden für den Erfinder der Glühbirne und möge weiterträumen. Bei allen anderen müssten sämtliche Lämpchen aufleuchten, wenn sie sich vergegenwärtigen, welche „Marktchancen“ diese Megadaten eröffnen, wenn sie in die Hände derer fallen, die ihre Geschäftsmodelle in den Schubladen und einen Daten-Bedarf bereits öffentlich angemeldet  haben. Die Hard- und Software-Produzenten freuen sich auf einen Milliardenmarkt, den ihnen die politischen Entscheider zu Füßen legen. Es bedarf eines einzigen Lecks, um das Datenbecken auslaufen zu lassen! (Zahn)Ärzte sind keinesfalls fortschrittsfeindlich; denn Laborberichte, Befunde, Röntgenbilder, zahntechnische Daten  und andere Informationen werden bereits digital versandt – aber von Punkt zu Punkt und  nicht in einen „digitalen Ausstellungsraum“. Fest steht: Die Politik hat sich, ähnlich dem Jahrhundertprojekt Berliner Flughafen, verrannt. Sie ist den Lobbyisten und sonstigen Einflüsterern aus Industrie und Handel gefolgt und steht nun vor einem nach oben offenen finanziellen  Scherbenhaufen. Gut für sie, wenn ihr Kommentatoren  die Schuldzuweisungen von den Lippen ablesen. Und Gipfel der Unverfrorenheit der Politakteure ist, dass (Zahn)Ärzte mit Strafzahlungen aus ihren Honoraren überzogen werden sollen, wenn die Industrie die Hardware, die ganz aktuell wegen Datenunsicherheit bereits vor Projektbeginn für über 100 Millionen Euro ausgetauscht werden muss,  nicht rechtzeitig liefern kann!

Wer umfängliche Informationen zur eGK wünscht, kann sich unter http://www.stoppt-die-e-card.de/  informieren.

Dr. Michael Loewener, Wedemark

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