Dienstag, 18.09.2018

Aufgespießt

Die Unschuld vom Lande

24.04.2012 11:18

Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes

 

Unschuldig kommt er in der Tat daher, der GKV-Spitzenverband, oder genauer gesagt, sein stellvertretender Vorsitzender Johann-Magnus Freiherr von Stackelberg, assistiert vom Verbands-Lautsprecher Florian Lanz in der Pressekampagne gegen die Gebührenordnung für Zahnärzte. Die Grundlage dieser neuerlichen Attacke bildet ein zuvor veröffentlichtes Positionspapier des Spitzenverbandes zur zahnmedizinischen Versorgung, das sich intensiv mit der angeblichen Schutzbedürftigkeit der Versicherten vor finanzieller Überforderung durch Zahnärzte mittels intransparenter Liquidationen beschäftigt.

http://www.gkv-spitzenverband.de/upload/Positionspapier_zahnmedizinische_Versorgung_2012-03-22_19471.pdf

http://www.gkv-spitzenverband.de/Statement_Stackelberg_20120410.gkvnet

In den nachgeschobenen Presseerklärungen geben sich die GKV-Oberen mit Kreide in der Stimme volksnah und empfehlen sich gleichsam als Schutzheilige von 70 Millionen Zwangsversicherten. „Wir wollen endlich Transparenz bei den Zahnarztrechnungen!", heuchelt der Freiherr, der offenbar die Jahresrechnung eines Schornsteinfegermeisters oder seines Stromversorgers noch nie vor Augen hatte, um beurteilen zu können, wie Intransparenz aussehen kann. Im Übrigen ist es gerade die Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ), die den Patienten detaillierte Informationen über die erbrachten Leistungen gibt, während die gesetzlichen Krankenkassen aus ideologischen Gründen mit aller Kraft am intransparenten Sachleistungsprinzip festhalten wollen, bei dem der Patient nicht einmal erfährt, welche Leistungen zur Abrechnung gekommen sind.

Lebenshilfe durch Zwangsbeglückung

Der GKV-Spitzenverband kommt als Helfer, als Retter in der Not und dient all jenen  zahnärztlichen Patienten pressewirksam Hilfe an, die sich offenbar im Leben nicht mehr zurechtzufinden scheinen. Dabei handelt es sich um dieselben Menschen, die sich bar eigener Entscheidungskraft ihr neues Automobil mit Leichtmetallfelgen aufrüsten, sich ein Krokodil auf dem Hemd als Mehrwert aufnähen, sich statt der „Pizza auf die Hand" ein fulminantes Fünfgangmenü auftischen, ihre Nasen mit einer Brille von Armani zieren und „last but not least" die mehr oder weniger selbstverdiente Zahnlücke statt durch ein silberfarbenes Metallgeflecht mit einem zahnfarbenen Implantat komfortabel verschönern lassen möchten. Bedürfen all diese „labilen" und „ungefestigten" Menschen der dringenden Hilfe selbsternannter Entscheider, um nicht unter die Räuber zu fallen? Wohl kaum.

In dem anmaßenden Anspruch, auch die von den Kassen nicht bezahlten Privatvereinbarungen zwischen Patienten und Zahnärzten unter qualitativen Maßstäben auf ihre Angemessenheit und Korrektheit „prüfen" und bei dieser Gelegenheit auch die private Gebührenordnung aushebeln zu wollen, zeigt sich das verengte und ziemlich krude Weltbild der GKV-Oberen, bei dem die BARMER-GEK in ihrem „Zahnreport 2012" sekundiert. Anscheinend ist ihnen entgangen, dass die Bürger dieses Landes im Jahre 2012 dem selbstbestimmten Leben - frei von Bevormundung - den Vorzug geben.

Die vom Argumentationslametta entkleidete Kampagne zeigt schlicht den Versuch, einen geeigneten - wenn auch groben -  Hebel zu finden, um der Privaten Krankenversicherung via einer im Sinne der GKV modifizierten Gebührenordnung den Garaus zu machen, und das, obwohl die PKV bereits nach Kräften am eigenen Ableben arbeitet.

Machtanspruch

Angelpunkt der ganzen Aktion ist nichts anderes als der unmäßige Drang nach Machterweiterung. Allmacht für einen Krankenkassenapparat, der seine Zwangsversicherten in der Pose des Bitt- und Antragstellers halten und die Leistungserbringer zu Lohnabhängigen degradieren möchte. All das hat mit Vertragspartnerschaft nichts mehr gemein. Gemein und perfide sind allerdings die pauschal gelieferten Unterstellungen von Transparenz-, Abrechnungs- und Qualitätsmängeln gegen einen gesamten Berufsstand. Mit dem pressegängigen und bewährten Klischee vom goldbohrenden Zahnarzt, dem man angesichts seiner Raffgier permanent auf die Finger schauen müsse, will der Spitzenverband punkten und das eigene Ansinnen verschleiern. Und nun die frohe Botschaft: Der Verband hat in seiner Kampagne dermaßen überzogen, dass diverse Medien nicht mehr auf die Leimrute gegangen sind, sondern die wahren Hintergründe im Focus hatten.

Entlarvend und eher hilflos fiel auch die Antwort des Verbands-Presseprechers Florian Lanz auf die Fragen aus, wie hoch der Spitzenverband bei seinen Berechnungen den Verwaltungsaufwand der im Positionspapier geforderten Maßnahmen pro Jahr einschätze, und wie er sich die Finanzierung des Verwaltungsaufwandes vorstelle. Die Antwort kam per mail und war vielsagend: „... Detaillierte Umsetzungskonzepte liegen noch nicht vor, da wir es für angezeigt halten, erst einmal die Fragen grundsätzlich zu klären."  Von grundsätzlicher Klärung kann aber keine Rede sein, wenn der zum Gegner erklärte Vertragspartner zunächst öffentlich verunglimpft wird. Eine kurzsichtige Kampagne, die taktisch möglicherweise zunächst als Erfolg verbucht wird, sich aber als strategisch unklug erweisen kann.

Der GKV-Spitzenverband muss, auch wenn er jetzt schon auf einen Regierungswechsel zu spekulieren scheint, aufpassen, dass ihm die eigenen Aktionen nicht irgendwann vor die Füße fallen. Spannend wird in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Einigkeit der Kassenoberen sein. Bei so viel Profilierungsdynamik und Druck in der Chefetage könnte sich der Prozess auch nach innen entwickeln.

Schadensbegrenzung

Wie bei all den vorausgegangenen und noch zu erwartenden Kampagnen bewirken reflexartige Antworten der Zahnärzte bestenfalls eine Schadensbegrenzung, die naturgemäß den Makel der reaktiven Rechtfertigung in sich trägt. Aber die vielen und differenzierten Pressemeldungen der Kammern, KZVen und Berufsverbände zeigen durchaus mediale Wirkung und sind allemal besser geeignet als Ratschläge aus dem „kölschen" Grundgesetz, die da lauten: „Et kütt wie et kütt" und „et hätt noch immer jot jejange".

loe

 

 

 

 

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