Freitag, 20.07.2018

Aufgespießt

„Die Physiker“ von Dürrenmatt – aktueller denn je

27.03.2011 12:31

 

Die Berührungspunkte zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sind nachhaltiger, als allgemein vermutet. Gerade in diesen Tagen, in denen die Katastrophe von Fokushima ein neues Problembewusstsein schafft, oder es zumindest schaffen könnte, erscheinen die 21 Punkte, die der Schweizer Schriftsteller, Maler und Zeichner (www.bundesmuseen.ch) Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) seiner Tragikomödie  „Die Physiker" nachgestellt hat, aktueller und bedrückender denn je. Erstaufführung 1962:

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1.   Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.

2.   Geht man von einer Geschichte aus, muß sie zu Ende gedacht werden.

3.   Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche

      Wendung genommen hat.

4.   Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.

5.   Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst

      wirksam einzusetzen.

6.   Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen

7.   Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo  wer

      zufällig wem begegnet.

8.   Je planmäßiger die Mensachen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall

      zu treffen.

9.   Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der  

      Zufall trifft sie dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels

      erreichen: Das,  was sie befürchten, was sie zu vermeiden suchen.

10. Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig).

11. Sie ist paradox.

12. Ebensowenig wie die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe vermeiden.

13. Ebensowenig wie die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden.

14. Ein Drama über die Physiker muß paradox sein.

15. Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziele haben, sondern ihre Auswirkung.

16. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.

17. Was alle angeht, können nur alle lösen.

18. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muß

      scheitern.

19. Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.

20. Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.

21. Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen,

      aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu bewältigen.

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