Mittwoch, 21.11.2018

Aufgespießt

Das Zahnarztbewertungsportal „Weisse Liste“ und die Bertelsmann Stiftung

01.03.2012 14:02

 

Mit großem Presseauftrieb ist das von der Bertelsmann Stiftung entwickelte online-Zahnarztbewertungsportal  „Weisse Liste" an den Start gegangen.

Das Bewertungsportal, das es für Ärzte schon seit 2011 gibt, hebt sich von allen bisherigen Portalen ab, die sich in der Regel sowohl durch mangelhafte Datenpflege, als auch durch kümmerliche Patienten-Frequenz ausgezeichnet haben, und deren tieferer Sinn wohl in der Anzeigenakquise bei werbefreudigen ZahnÄrzten lag.

Die „Weisse Liste" tritt mit seriöserem Konzept auf. In absoluter Professionalität und vor dem Hintergrund erheblicher Finanzkraft haben sich die „Bertelsmänner" mit Krankenkassen wie AOK, BARMER GEK und Techniker mit ihren insgesamt fast 37 Mio. Mitgliedern potente bzw. einflussreiche (Geschäfts)Partner gesucht. Das Portal hebt hervor, dass nur Mitglieder der Partner-Krankenkassen nach einem Anmeldeprocedere mit den Daten ihrer Versichertenkarte Schreibzugriff haben und zudem neben vorformulierten Fragen keine „Freitextbeurteilungen" zugelassen sind, um Diffamierungen und unsachliche Kommentare auszuschließen. Das lässt diejenigen aufatmen, die zu Recht oder zu Unrecht  eine Art „üble Nachrede" im Netz befürchten (müssen), gegen die es nahezu keinen Schutz gibt. Diese Angriffsfläche hat das Portal vermieden, da man offenbar erkannt hat, dass, (zahn)ärztliche Leistungen von Laien in der Regel nicht hinreichend bewertet werden können. Tatsache ist ferner, dass die Beziehung zwischen Patienten und ZahnÄrzten weit komplexer ist als diejenige zwischen dem Händler einer Ware und dessen Kunden. Das Vertrauensverhältnis ist dort, wo es um die eigene Gesundheit geht, ein ganz besonderes, das sich einer allgemeingültigen Bewertung entzieht.

Im Übrigen müssen sich Zahnärzte trotz der Sonderstellung als Freiberufler und trotz des Selbstverständnisses als Profession mit einem besonderen Anspruch bei der Berufsausübung Bewertungen schlicht gefallen lassen. Im Zeitalter des Internets wäre es geradezu ein Kampf gegen Windmühlenflügel, diese Entwicklung aufhalten zu wollen. Angaben über Wartezeiten, Freundlichkeit und Aufklärung sind schließlich Kriterien, die manchem Patienten wichtig erscheinen. Das Argument der Portalbetreiber, dass diese Angaben auch für das Praxismanagement von Wert sind, lässt sich nicht entkräften.

Bleibt die Frage nach dem Hintergrund der Neuschöpfung. Natürlich darf dem Bertelsmann-Konzern, auch wenn er sich in diesem Fall hinter dem Mantel einer „Stiftung" verbirgt, kommerzielles Interesse unterstellt werden. Auf welche Weise und in welchem Umfang dieses Interesse und das der Partner befriedigt wird, wird angesichts der Verschachtelung des Weltkonzerns auch durch Fachleute nur schwer oder gar nicht nachvollziehbar sein. So fragen sich Juristen, ob bei den bestehenden Strukturen überhaupt noch der Tatbestand einer Gemeinnützigkeit gegeben ist.

Knapp 81 % des Aktienkapitals der Bertelsmann AG sind der Bertelsmann Stiftung und der Reinhard Mohn Stiftung zuzuordnen, so dass der Konzern mit einer Bilanzsumme von rund 18,7 Milliarden Euro (2010) praktisch von der „Stiftung" dominiert wird.  Dazu kommen die personellen Verflechtungen zwischen Stiftung und Unternehmen.  

Zum Thema empfiehlt sich die Lektüre der Satzung der Bertelsmann Stiftung unter

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-C33F6601-C9FFD89F/bst/hs.xsl/269.htm  .

Weitere Informationen unter    http://wiki.bildung-schadet-nicht.de/index.php/Bertelsmann_Stiftung 

Das Epizentrum dieser „gemeinnützigen" und steuerbegünstigten 1977 von Reinhard Mohn gegründeten Denkfabrik bildet nach wie vor die Familie Mohn. Ob es sich bei den Dienstleistungen, die sich im weitesten Sinn mit Politikberatung befassen, um „trojanisches Marketing" handelt, oder um ein vorgespieltes „Gutmenschentum", wie in der Neuen Rheinischen Zeitung  zu lesen war, steht im Raum.

Zurück zum Zahnarztbewertungsportal „Weisse Liste". Hier ist die Befürchtung nicht entkräftet, dass die Krankenkassen das Portal dazu benutzen könnten, Patientenströme zu navigieren - und das mit starrem Blick auf Kostenersparnis. Die Aufmerksamkeit muss den politischen Entwicklungen gelten, die in einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft hinter den mehr oder weniger vernünftigen Bewertungsportalen stehen. Das ist die Stelle, an der sich die Körperschaften verkämpfen können.         loe

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