Freitag, 20.07.2018

Aufgespießt

Zahntechnik im Gemischtwarenladen?

14.07.2013 18:43

Als Gemischtwarenladen, wenn auch mit 30.000 Depots, kann man inzwischen den Tchibo-Konzern bezeichnen. Kaffee, so erscheint es dem Betrachter, bietet der Röster mit 3,6 Mrd. € Jahresumsatz quasi nur noch als Nebenprodukt an, während Bekleidung, asiatische Qualitätsprodukte aller Art und Dienstleistungen im Bereich von Mobilfunk, Touristik bis zur Vermittlung von Energie das Sortiment ungeröstet nach oben abrunden.

Nun dient der Kaffeeröster in Kooperation mit der Firma NOVADENT den Kunden auf dem Schnäppchenmarkt seit Mitte Juli eine „NOVADENT ZahnersatzCard" an, die dem stolzen Besitzer zu einer bis zu 50 %igen Kostenersparnis beim Zahnersatz verhelfen soll. Nachlässe, die es sonst nur auf der Resterampe oder im Winterschlussverkauf gibt.

Zahnersatz „To Go"?

Tchibo Kunden erhalten, so heißt es in einer Pressemeldung, durch die „ZahnersatzCard" einen „qualitativ hochwertigen Zahnersatz zu attraktiven Preisen". NOVADENT lässt in Manila fertigen und wirbt zusätzlich mit einer 5-Jahres-Garantie auf Material- oder Herstellungsleistungen. Eine Finanzierung zu Null Prozent Zinsen gibt es dazu. Über die Eingliederungsleistung schweigt sich der Schnäppchenanbieter allerdings weitestgehend aus.

Möglicherweise denken Dentalkaufleute schon weiter: So könnte in der Zahnarzt-Box im Röster-Shop - gleich hinten neben der Schmuckecke - der angestellte GmbH-Zahnarzt werkeln, wie der Schuster im Kaufhof. Gewissermaßen Zahnersatz „To Go". Schöne neue Welt!

Ebenso ungeniert wie legitim wird dem potentiellen Kunden bei Nichtakzeptanz der ZahnersatzCard durch den Hauszahnarzt empfohlen, nach anderen „Novadent Praxispartnern ... in ihrer Nähe" unter www.sparen-beim-zahnersatz.de zu suchen. Dort erfährt der Schnäppchensucher, dass er den Heil- und Kostenplan seines Zahnarztes für ein Vergleichsangebot einreichen könne. Wörtlich heißt es: „Oder Sie lassen sich in unserem Hause persönlich von unseren Zahntechnikern beraten - auch das selbstverständlich kostenlos". Der Zahnarzt kommt quasi nicht vor und fungiert so ganz nebenbei als Eingliederer, ohne den es (noch) nicht geht.

NOVADENT wirbt mit bundesweit über 1.000 zusammenarbeitenden Zahnärzten und bietet einen NOVADENT Zahnarzt-Finder, der sich bei näherem Hinsehen als eine schlichte und unvollständige Adressensammlung diverser Zahnärzte entpuppt, die allem Anschein nach weder Partner sind, noch von ihrem Selektionsglück wissen oder bereits verstorben sind. Dabei entgeht der „Zahnarzt-Finder" durch das richtige Setzen des Bindestriches der Abmahnung. Wie auch bei anderen Zahnarzt-Such-Plattformen finden sich dort Praxen, die seit Jahren nicht mehr existent sind.

Natürlich mag es Praxen geben, die jedes Marktsegment adaptieren, um die Behandlungszimmer zu füllen, weil es auf konventionelle Weise oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda nicht (mehr) ausreichend gelingen will. Oder es mag Zahnärzte und Zahnärztinnen geben, die davon überzeugt sind, dass der Zahnersatz aus Manila qualitativ absolut ebenbürtig und der Hersteller auch nach 5 Jahren noch greifbar ist. Jeder Behandler sollte sich auch die Frage stellen, ob ihm der Export von Arbeitsplätzen und somit von Sozialabgaben gleichgültig ist oder ob er Wert darauf legt, vertrauensvoll und direkt mit „seinem Zahntechniker um die Ecke" zusammenzuarbeiten.

Gegen den Willen des Zahnarztes kann der Patient nicht die Auswahl eines bestimmten Labors erzwingen

Wie dem auch sei; schließlich klärt NOVADENT Interessenten auf, dass der Zahnarzt in den meisten Fällen keine Einwände haben werde, da der Patient „letztendlich über die Wahl des Dentallabors bestimmen" könne.

Dazu bedarf es einer Klarstellung. In einem Hinweis eines KZV-Justitiars heißt es:
In eine Vertragsbeziehung zum Dentallabor tritt nur der Zahnarzt, nicht aber der Patient. Das schließt aber nicht aus, dass innerhalb des Behandlungsvertrages zwischen Patienten und Zahnarzt eine Vereinbarung über die Auswahl des Labors getroffen wird. Wird dann insoweit keine Einigung erreicht, kommt der ganze Behandlungsvertrag zwischen Patienten und Zahnarzt nicht zustande. Gegen den Willen des Zahnarztes kann also der Patient nicht die Auswahl eines bestimmten Labors erzwingen."

Das bedeutet nichts anderes, als dass der Zahnarzt selbstbewusst und frei entscheiden muss, auf welche Weise er seiner Verantwortung gegenüber dem Patienten für den gesamten Zahnersatz gerecht wird. Schließlich ist das gewachsene Vertrauensverhältnis zwischen dem Zahnarzt und dem Patienten das höchste Gut, das eine Praxis besitzt und weitaus wertvoller als die Teilnahme an Rabatt- oder Coupon-Aktionen, die Restpostenjäger in die Praxen spülen und den finanziellen Exitus so mancher angeschlagenen Praxis dadurch hinauszuzögern. Diese Verantwortung ist es, die den Freien Berufen eine Sonderstellung zuweist, die wir uns nicht aus der Hand nehmen lassen sollten.

Ehe ich es vergesse: Natürlich sind bei allen Formulierungen immer beide Geschlechter gemeint - suchen Sie sich einfach eines aus.

loe

 

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