Freitag, 24.11.2017

Aufgespießt

Gesundheitsrisiko Gesundheitspolitik

29.05.2015 18:29

Wenn ein ärztlicher Standespolitiker vor zwanzig Jahren vor einem drohenden Ärztemangel warnte, so wurde er von neunmalklugen Journalisten und arroganten Politikern bestenfalls als "Lobbyist" tituliert, meistens aber als grundlos jammernder Funktionär abgestempelt, der den nimmersatten Halbgöttern in Weiß ihre Pfründe sichern möchte.
Jeder drittklassige Gewerkschaftsfunktionär gerierte sich als gesundheitspolitischer Experte und fühlte sich berufen, die akademischen Heilberufe als skrupellose Pfuscher und geldgierige Abzocker zu entlarven, denen der Gesetzgeber kräftig auf die Finger klopfen müsse. Politische Hinterbänkler stießen auf der Suche nach einem Thema, bei dem sie sich auch ohne jegliches Fachwissen als "Experte" ausgeben konnten, auf das weite Feld der Gesundheitspolitik. Hier konnten sie dann tolle Reden schwingen und mit chaotischen "Gesundheitsreformen" im Zwei-Jahres-Rhythmus" die soziale Welt in Deutschland retten.
Mittlerweile dämmert es aber auch den Allerdümmsten der oben Genannten, dass sie vielleicht etwas zu weit gegangen sind mit ihrem Heilberufe-Mobbing, dass Ärzte und Zahnärzte ja vielleicht garnicht die Spitzenverdiener der Nation sind, dass es in anderen Bereichen unserer Republik weit raffgierigere Abzocker gibt und dass die Tätigkeit eines Arztes oder Zahnarztes vielleicht doch kein Zuckerschlecken ist, insbesondere dann nicht, wenn der Beruf auf eigenes Risiko in einer eigenen Praxis ausgeübt wird.

In den ländlichen Gebieten fehlen nicht nur Fachärzte, sondern - und das ist für die Bevölkerung besonders schmerzhaft - auch Hausärzte, die abends nach der Sprechstunde noch ihre bettlägerigen Patienten besuchen. Aber selbst in größeren Städten warten die Patienten oft wochenlang auf einen Termin bei einem Spezialisten. Und sogar die Bundeswehr hat mittlerweile Probleme, ihre Soldaten adäquat medizinisch zu versorgen.
Irgendetwas ist also schief gelaufen in unserem "Gesundheitssystem" in den letzten dreißig Jahren.

Tausende junger und hoch qualifizierter Ärzte haben Deutschland den Rücken gekehrt. Sie sind in Länder ausgewandert, in denen ihnen die Gesellschaft, die Medien und die Politik die Wertschätzung entgegenbringen, die sie in Deutschland nicht bekommen. Wertschätzung in Form von leistungs- und risikogerechten Einkommen, Wertschätzung durch gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung durch die Garantie von Therapiefreiheit und weitgehender Bürokratiefreiheit.

In Deutschland hingegen gibt es noch immer Politiker, die durch schwachsinnige Gesetze und Verordnungen die Ärzte- und Zahnärzte in den schieren Wahnsinn treiben. Das nicht durchführbare, destruktive "Patientenrechtegesetz" , zehntausende perverse Abrechnungsbestimmungen, das völlig unsinnige "Qualitätsmanagement", pseudowissenschaftliche "Hygienerichtlinien" sowie völlig sinnlose Zwangsfortbildungen sind nicht dazu angetan, junge Menschen für die Ausübung des ärztlichen Berufes in Deutschland zu begeistern. Tausende Pseudo-Gesundheitsexperten, die - aus welchen Gründen auch immer - selbst kein medizinisches Studium absolviert haben, treten sich sowohl in der Politik als auch in zahllosen staatlich finanzierten "Forschungsinstituten" und "Qualitätsinstituten" gegenseitig auf die Füße, um irgendwie im Gesundheitswesen mitreden zu können und gleichzeitig in den Genuss eines garantierten öffentlich-rechtlichen Gehaltes zu gelangen. Die neueste Sau, die nun durchs gesundheitspolitische Dorf gejagt wird, heißt "Versorgungsforschung" und ist nichts anderes als der jämmerliche Abklatsch der "Gesundheitssystemforschung" der 1980er-Jahre, die uns damals den maroden englischen "National Health Service" als das Non-Plus-Ultra für die Lösung aller gesundheitspolitischen Probleme zu verkaufen suchte.

Anstatt die Rahmenbedingungen auf schnellstem Wege wieder attraktiv, leistungsgerecht und risikoadäquat zu gestalten, locken deutsche "Sozialfantasten" nunmehr zu Tausenden ausländische Ärzte ins Land. Könnte man nicht vorhandene Kenntnisse der deutschen Sprache und ihrer vielen Dialekte durch Sprachkurse und manche suboptimalen fachlichen Kenntnisse durch Intensivfortbildungen noch in den Griff bekommen, so wiegt viel schwerer, dass wir den Menschen in Osteuropa oder Afrika die wenigen Ärzte, die sie haben, auch noch wegnehmen. Wir Deutschen sind ja die Weltmeister der gepflegten Doppelmoral und so lässt es selbst die sozialistischen Hypermoralisten völlig kalt, wenn Ärzte aus der bulgarischen Provinz oder aus schwarzafrikanischen Entwicklungsländern - wo sie teilweise für zehntausende Menschen zuständig sind - von uns mit viel Geld und Aufwand in deutsche Krankenhäuser gelockt werden. Gleiches gilt übrigens auch für tausende Krankenschwestern und Pflegekräfte. Dass in den o.g. Ländern Millionen von Kindern und alten Menschen sich alleine durchschlagen müssen, weil die Frauen der mittleren Generation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen die Bettpfannen leeren - auch das lässt den deutschen Hyper-Doppel-Moralisten völlig kalt.

Und trotzdem kracht es im deutschen Gesundheitswesen an allen Ecken und Enden.
Ärzte und Zahnärzte raten ihren eigenen Kindern massenweise davon ab, beruflich in ihre Fußstapfen zu treten. Ältere Kollegen - zermürbt von jahrzehntelanger Hetze von Politikern, Gewerkschaftsfunktionären und Journalisten, zermürbt von demütigender perverser Bürokratie und frustriert von längst nicht mehr leistungs- und risikogerechten Honoraren - sehnen ihren Ruhestand herbei.

Statt die tatsächlichen Ursachen des Ärztemangels rasch zu beseitigen, reagiert der politisch- bürokratische Apparat kontraproduktiv wie eh und je: Noch mehr Bürokratie, noch mehr sinnlose Vorschriften, forcierte Entrechtung der Heilberufe, Pseudo-Akademisierung von medizinischen Hilfsberufen und risikoreiche Ausweitung der Delegierbarkeit originär ärztlicher Leistungen an schnellgebleichtes Hilfspersonal. In den Kommunen werden nun hektisch "Gesundheitsbündnisse" gegründet und per Gesetz soll den Menschen ein schneller Termin beim Arzt garantiert werden. Als ob dadurch auch nur ein einziger neuer Arzt herbeigezaubert werden könnte...

Für die Lösung des Problems Ärztemangel gibt es tatsächlich aber nur folgende Möglichkeiten:

  1. Jegliche Hetze gegen die Heilberufe einstellen.
  2. Perverse Bürokratie ersatzlos streichen.
  3. Therapiefreiheit für Ärzte und Patienten garantieren und die direkte Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient ermöglichen.
  4. Honorare auf ein leistungsgerechtes, ein risikogerechtes und ein qualitätsermöglichendes Niveau herauf setzen.
  5. Schaffung einer staatsfreien Vertragsautonomie zwischen Heilberufen und Kostenträgern analog zur Tarifautonomie in der Wirtschaft.

Aber selbst wenn wir weitsichtige und einsichtige Politiker hätten, die all diese Maßnahmen rasch verwirklichen würden, so würde es dennoch mindestens zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis die Fehler der vergangenen dreißig Jahre ausgebügelt wären und junge Ärzte sich wieder gern und frohen Mutes quer übers Land in eigenen Praxen niederlassen würden.

Wenn Sie nun denken, ich würde die Zustände im deutschen Gesundheitswesen besonders negativ darstellen, dann lesen Sie einfach noch die folgenden Zeilen. Diese erschienen am 25. April 2015 in einer schwäbischen Kreiszeitung und entstammen einer Stellungnahme, die Mitarbeiter des örtlichen Klinikums an die Öffentlichkeit lanciert haben.
Ich zitiere:

....."Wegen des Personalmangels gibt es Fehler durch Übermüdung und Überarbeitung. Auf der Chirurgie werden Pausen häufig nicht genommen und Ruhezeiten können nicht eingehalten werden...... Der Verwaltungsaufwand ist extrem gestiegen. Schuld daran ist die unübersehbare Zahl an Dokumentationspflichten für das Qualitätsmanagement und die Aufsichtsbehörden...... Abgesehen davon, dass das gesamte geschriebene Material unmöglich gelesen und überprüft werden kann, dient es vor allem der Illusion, dass das Geschriebene auch tatsächlich getan wurde. Die absurde tägliche Verwaltung dieses amtlichen Misstrauens erdrückt die Arbeitenden und produziert kaum mehr als weitere Ineffizienz."

Noch Fragen? Somit dürften Sie meiner Einschätzung zustimmen: Das größte Gesundheitsrisiko für die Menschen in unserem Land ist die deutsche Gesundheitspolitik der letzten dreißig Jahre

Dr. Rainer-Udo Steck Winnenden
Seit 1986 in eigener Praxis niedergelassener Zahnarzt
Mitglied der Vertreterversammlungen der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart


Stand: Mai 2015

 

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