Freitag, 24.11.2017

Aufgespießt

Politik entdeckt MRSA & Co.

02.04.2015 21:28

10-Punkte-wünsch-dir-was-Programm aus dem BMG

„Kampf gegen Klinik-Keime: Berlin verlangt mehr Hygiene“. So titelte die Hannoversche Allgemeine Zeitung am 24. März als Teil der Pressekaravane, die durchs Land zog.  Anlass war ein von Bundesgesundheitsminister Gröhe veröffentlichtes 10-Punkte-Programm zur Vermeidung von multiresistenten Keimen. Dieses Papier entpuppt sich jedoch bei näherer Betrachtung als ein reines Wünsch-dir-was-Programm. Neben allgemein bekannten Tatsachen bleiben die konkreten Handlungsfolgen ungenau  im Hintergrund. Ganz offensichtlich geht es in erster Linie um Öffentlichkeitsarbeit für das eigene Haus. Gröhe widmet seine 10 Punkte in erster Linie dem stationären und ambulanten ärztlichen Bereich, während die bekannten und massiven Zusammenhänge mit der industriellen Landwirtschaft ebenso kurz wie schwammig Erwähnung finden und man im „Programm“ nach dem Wort „Verbot“ vergebens sucht. So heißt es in dem Papier:

„ … Mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) wurden wichtige Schritte zur Eindämmung von behandlungsassoziierten Infektionen und Antibiotika-Resistenzen im human- und veterinärmedizinischen Bereich eingeleitet; weitere Maßnahmen müssen folgen …“

Das klingt nach absolutem Tatendrang, und wem das zu wenig konkret erscheint, der kann in folgenden Auszügen die ganze Schärfe der ministeriellen Darlegungen nachempfinden:

„ … Die Gesundheit von Mensch und Tier ist eng miteinander verwoben. Maßnahmen im Bereich der Veterinärmedizin und Landwirtschaft haben Einfluss auf das Vorkommen resistenter Infektionserreger im humanmedizinischen Bereich und umgekehrt. Um diesen "One Health"-Gedanken weiter zu stärken, wird die Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) der Bundesministerien für Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft sowie Bildung und Forschung bis Sommer 2015 aktualisiert. Ziel ist, das Auftreten von Antibiotika-Resistenzen und den Antibiotika-Verbrauch sowohl in der Human- als auch der Tiermedizin und der Landwirtschaft stärker zu überwachen und weitere Maßnahmen zur die Vorbeugung und Bekämpfung von Resistenzen zu unternehmen. Dazu muss auch die Zusammenarbeit der Akteure in der Human- und Tiermedizin sowie der Landwirtschaft verbessert werden …“

Antibiotikaresistenz ist keine Neuerscheinung unserer Tage, sondern ein bekanntes Problemfeld, das sich unter der Gesundheitskostendämpfungspolitik und Landwirtschaftspolitik mit ihrem industriellen Vorrang in den vergangenen Jahrzehnten nahezu zwangsläufig entwickeln konnte. So kommt es dazu, dass alljährlich in der Bundesrepublik bis zu 15.000 Menschen multiresistenten Keimen zum Opfer fallen – und zwar vermeidbar.

Warme Worte als Problemlösung
Die Problemlösung scheint sich nach der Lektüre der zehn Punkte eher im Überlegen, Beraten, Koordinieren und vor allem im Vertagen zu erschöpfen. Kein Wort beispielsweise zu einem sofortigen Verbot der Antibiotikaverfütterung zum alleinigen Zweck  der Tiermast und kein Wort zum sofortigen Verbot der Verwendung von Reserveantibiotika bei der Massentierhaltung.  Wo bleibt hier eine verantwortungsvolle Politik? Übrigens ein für Tierärzte altbekannter Tatbestand!  Auch fehlen Aussagen über die konkret entstehenden Kosten im stationären-, ambulanten - und Pflegebereich, zur Einrichtung und Unterhaltung von Hygieneinstituten an deutschen Universitäten oder zur Aufstockung des Pflegepersonals in Krankenhäusern und deren dauerhafte Finanzierung.

Paradoxerweise werden Krankenhäuser seit Jahren systematisch von der Politik auf Profit getrimmt, so als handele es sich um Wirtschaftsunternehmen, die Gewinn und Wachstumsraten vorweisen, sich aber zumindest selbst finanzieren müssten. Insofern dürfte es niemanden erschrecken, dass Krankenhäuser gelegentlich ein Faible für bestimmte Operationen einschließlich frühzeitiger Entlassung entwickeln, um die Zahlen nicht allzu rot erscheinen zu lassen. Diese Fehlentwicklung hat immer weniger mit dem sozialen Auftrag von Krankenhäusern zu tun, ausschließlich das Patientenwohl im Focus zu sehen.  Und weil als unmittelbare Folge dieser Sparzwänge eine geradezu unverantwortliche Personal- und Standortverknappung an der Tagesordnung ist, bei der Krankenschwestern, Pflegepersonal und auch Ärzte jenseits aller zumutbaren Grenzen be- und überlastet werden, erscheint eine Kursänderung dringend geboten. Insbesondere dann, wenn es die Politik mit dem Patientenschutz im Rahmen der vielbeschworenen wohnortnahen und qualitativ hochwertigen Versorgung ernst meint. Warme Worte alleine helfen hier nicht! Und der ministerielle Finger zeigt vielmehr auf die Verantwortlichkeit anderer und verweist auf folgende Kausalität:

„ … Wissensdefizite und nicht angewendetes Wissen bei der Diagnostik, bei der rationalen Antibiotika-Therapie und der Vermeidung von Infektionen durch resistente Infektionserreger sind eine der Ursachen für steigende Antibiotika-Resistenzraten. Die Fortbildung von medizinischem Personal ist eine wesentliche Voraussetzung für einen sachgemäßen Einsatz von Antibiotika. Gemeinsam mit den Verantwortlichen soll daher eine verpflichtende Fortbildung des medizinischen Personals im ambulanten und stationären Bereich eingeführt werden ...“

Warum fällt mir an dieser Stelle der Medienriese „Bertelsmann“ ein, der jüngst für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag den US-amerikanischen Online-Bildungsanbieter „Relias Learning“ eingekauft hat, der sich auf Online-Schulungen für Beschäftigte im Gesundheitswesen spezialisiert hat?

Kostenfrage bleibt ungeklärt
Minister Gröhe verkündet nun, dass der Bund ein Hygiene-Förderprogramm in Höhe von 365 Mio. Euro aufgelegt habe. Prinzipiell eine gute Idee, Geld in Hygiene-Systeme zu investieren. Allerdings lässt sich das Problem nicht durch Einmalzahlungen lösen, wobei sich vermutlich ein erheblicher Anteil im Verwaltungsnetz verfangen dürfte. Krankenhäuser benötigen vielmehr einen permanenten Zufluss, der sich an den tatsächlich notwendigen Kosten und nicht an einer theoretischen oder einmaligen Plangröße orientiert. Hygiene kostet Geld, viel Geld, und übrigens auch sehr viel Geld in der Zahnmedizin. Screenings, Einmalartikel und vor allem Personalaufstockung sind erforderlich, so dass sich im Nachtdienst nicht mehr eine einzige Krankenschwester oder Pflegekraft um eine ganze Station mit 20 Kranken zu kümmern hat. Das sind skandalöse Zustände, die inzwischen in Deutschland keine Seltenheit darstellen. An die Beachtung korrekter Hygienemaßnahmen ist bei der von der Politik verordneten Kostendämpfung nicht zu denken, wenn man alleine an die Einwirkzeit der Desinfektionsmittel zwischen 30 Sec. und 1 ½ Min. allein bei der Händedesinfektion denkt.

1,7 Millionen Tonnen Antibiotika für die Landwirtschaft
Die Ursache für Resistenzbildungen wird gerne zunächst in der angeblichen übermäßigen Verordnung von Antibiotika durch Ärzte gesehen. Man kann sicher darüber streiten, ob eine großzügige Verschreibungspraxis in jedem Fall gerechtfertigt ist. Leider richten die Medien den Focus weit weniger auf den Hauptverursacher der Problematik, die industriemäßig betriebene Massentierhaltung unter oft beschämenden und tierquälenden Bedingungen, bei der noch auf Jahre hinaus Küken zerschreddert werden und Schweinen die Schwänze abgeschnitten werden, damit noch mehr Tiere auf Gitterrosten zusammengepfercht werden können. Für akute und prophylaktische Antibiotikagaben nebst routinemäßiger Verfütterung zum alleinigen Zweck der Tiermast werden jährlich in der Bundesrepublik rund 1.700 Tonnen Antibiotika verfüttert! Dass dabei inzwischen entgegen der WHO-Empfehlung die sogenannten Reserveantibiotika wie Fluorchinolone zum Einsatz kommen, macht die politischen Entscheider nicht weniger verantwortlich.

Und anschließend wird die Gülle auf Äckern (vor allem im westlichen Niedersachsen) weit über jeden Sättigungsgrad hinaus versenkt. In Niedersachsen sind das 59 Millionen Tonnen pro Jahr, zuzüglich 1,7 Millionen Tonnen (2012) aus den Niederlanden. Dass sich unter diesen Bedingungen Resistenzen entwickeln, bedarf keiner Erklärung. Insofern ist das routinemäßige Screening bei der Aufnahme in Krankenhäusern eigentlich eine Selbstverständlichkeit – jedenfalls in den Niederlanden. Gerne wird von allen bisherigen Bundeslandwirtschaftsministern der kausale Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Resistenzbildung verdrängt, beschönigt oder bestritten! Denn für die bisherige wachstumsorientierte Bundespolitik hat die industrielle Landwirtschaft stets Vorrang. Aktuell zeigt sich allerdings ein Spannungsfeld zwischen dem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) und seinem niedersächsischen Kollegen Christian Meyer (Grüne), der die Probleme öffentlich benennt und den Verbraucherschutz ernst nimmt. Deutliche Worte, auch hinsichtlich der Antibiotikaresistenzen, fand Meyer anlässlich der Entgegennahme von 210.000 Unterschriften gegen die Massentierhaltung, für eine Verschärfung der Gülleverordnung und für sauberes Trinkwasser durch „Campact“-Aktivisten und die „Aktion Agrar“ im März dieses Jahres vor seinem Ministerium. Das gibt zumindest ein wenig Hoffnung.

Dr. Michael Loewener
Wedemark

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