Dienstag, 18.09.2018

Aufgespießt

ZahnÄrzte-Abzocke

12.03.2015 16:14

Hygienevorgaben zwischen Selbstverständlichkeit und Hybris

Dass ZahnÄrzte zu den Abzockern der Nation zählen, die ihre Patienten unsachgemäß behandeln, unnötig lange Wartezeiten aufbauen und ihnen zudem allerlei Unsinn verkaufen, lehrt uns die Tagespresse in ihrer gesammelten Einfältigkeit nahezu täglich.

Sind es aber nicht die ZahnÄrzte selbst, die vom Gesetzgeber, diversen Behörden und nicht zuletzt durch die Dentalindustrie mit Vorgaben, Richtlinien, Gebühren, Strafzahlungen und Mondpreisen überzogen werden? Ist es nicht auch die Industrie- und Dienstleistungslobby, die über die EU Einfluss und Umsatz zu steigern sucht? Und sind es nicht gegenwärtig die bis zur Absurdität überzogenen Hygienevorgaben für zahnärztliche Praxen, die Geräteherstellern, Valideuren und weiteren trittbrettfahrenden Goldgräbern die Freudentränen ins Auge treiben?

Wie war es in den letzten Jahrzehnten nur möglich, dass ohne den gegenwärtigen Gesetzes- und Verordnungs-Tsunami mit Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG), Biostoffverordnung (BioStoffV), Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV), Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung (MPSV), Arbeitssicherheitsgesetz (AsiG), Infektionsschutzgesetz (IfSG), um nur einige zu nennen, immer wieder Patienten in zahnärztlichen Praxen überlebt haben? Wie war es möglich, dass Patienten nach dem Besuch deutscher  Zahnarztpraxen nicht reihenweise von Legionellen dahingerafft wurden? Wie war es möglich, Keimfreiheit ohne die  DGSV- Leitlinie für Verpackungsprozesse und die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut (RKI) zu gewährleisten? Wie konnten Siegelgeräte ihrer Aufgabe genügen, ohne nach der Validierungsnorm DIN EN ISO 11607 einem Siegelnahttest unterworfen zu werden, dessen Ergebnis schriftlich festzuhalten, in die Karteikarte zu übertragen und mit Datum und Unterschrift dokumentiert für Jahre aufzubewahren ist? 

Wahrscheinlich einfach schicksalhaftes Glück!

Mein herzlicher Glückwunsch, ja meine Bewunderung gilt all denjenigen Kolleginnen und Kollegen, deren Praxisabläufe allen diesen Vorschriften, Leitlinien und Forderungen gerecht werden. Glücklich diejenigen, die nicht wissen, welches Damoklesschwert über ihren Köpfen bereits die Luft zerteilt.

Praxiskosten steigen rapide

Beachtenswert sind die zusätzlichen und nicht unerheblichen Kosten, die den Praxen bei der Erfüllung all dieser Vorschriften entstehen. Zusätzliche Geräte, deren Wartung, ein erhöhter Verschleiß und deren wiederkehrende Validierungskosten zehren neben deutlich gestiegenem Personaleinsatz massiv am Praxisgewinn. Während im wirtschaftlichen Bereich Kosten Kalkulationsbestandteil des Preises sind und Kostensteigerungen bei der Leistungsberechnung eingepreist werden, gilt dieser Grundsatz bei ZahnÄrzten offenbar nicht. Der GOZ-Punktwert, der seit nunmehr 27Jahren keine Anpassung erfahren hat, ist völlig unangemessen, und ein budgetiertes Kassenhonorar bietet prinzipiell keinen Spielraum für eine Kostenweitergabe, so dass die Luft in vielen Praxen dünn geworden ist.

Beschäftigungsprogramm der besonderen Art

Die Verordnungs-Systeme in Brüssel und Berlin sind inzwischen so pervertiert und auf ungehindertes Wachstum ausgerichtet, dass am Schluss eine selbstblockierende Erstarrung ehemals funktionierender Praxis-Abläufe droht, weil Regelungen zunehmend jeder freien Entscheidung vorgreifen und damit nicht zuletzt den Willen zur eigenen Verantwortung unterlaufen. Mit etwas Böswilligkeit ließe sich in dieser Entwicklung auch der Wunsch nach Zerstörung der Freiberuflichkeit und somit der Eigenverantwortlichkeit erkennen. Während in der Brüsseler Anstalt für politische Altlasten Dr. Edmund Stoiber als ehrenamtlicher Leiter der Arbeitsgruppe Bürokratieabbau werkelt, entdecken hierzulande Behörden ihre wahre und großartige Bedeutung – und eine ungeahnte Einnahmequelle. Lesen Sie dazu die Ausführungen auf der Homepage der Zahnärztekammer Niedersachsen unter https://www.zkn.de/fileadmin/user_upload/Download-allgemein/Praxisbegehung/MPG-Vortrag_23-01-2015.pdf.  Dort können Sie nicht nur anhand der putzigen Illustrierung den Stellenwert ermessen, den amtierende Diplombiologen und Diplomingenieure dem studierten Mediziner als „Überbringer der schlechten Nachricht“  zuweisen. Vorsicht, Ihnen könnte auch schwindelig werden!

Die Verordnungsflut führt zu einem Beschäftigungsprogramm besonderer Art. Da schießen plötzlich „hilfreiche“ Berater und Valideure wie Pilze aus dem Boden, um das mögliche Vorhandensein von Keimen wiederkehrend zu prüfen und Gerätschaften in Prozessabläufen jährlich zu validieren. Und unter dem Vorwand der Hygienevorsorge gibt es möglicherweise in Kürze Gedanken an eine Fristverkürzung. Wer validiert eigentlich die Validierer? Und da drängt sich ganz nebenbei  die interessante Frage auf, wer eigentlich die Tattoostecher überwacht, die lediglich einen besseren Pizzaofen für die Desinfektion ihrer Stechwerkzeuge bereithalten müssen. Da bildet sich unter dem Vorwand der Hygieneverbesserung ein erlesener Kreis von pfiffigen Spezialisten mit der Lizenz zum Gelddrucken heraus. Das ist „ZahnÄrzte-Abzocke“! Und nicht auszudenken, was passiert, wenn das Gerät eine Stunde nach der Validierung versagt. Und muss ein Leihgerät vor seiner Inbetriebnahme zunächst neu validiert werden? Für viele Kolleginnen und Kollegen der bisherige Gipfel des Irrsinns: Man stellt einen fabrikneuen Desinfektor auf und wird genötigt, ihn sogleich zum vierstelligen Vorzugspreis „validieren“ zu lassen. So, als würde man ein fabrikneues Fahrzeug beim TÜV vorführen, um die Bremsleitung prüfen zu lassen. Gesundheits- und Gewerbeaufsichtsämter entwickeln Unentbehrlichkeit, indem sie – zumindest in Niedersachsen - nach dem Muster der Rasterfahndung ohne Anlassbezogenheit ganze Landstriche der „Praxis-Begehung“ unterziehen, um im Bedarfsfall fünfstellige Strafzahlungen zu verhängen, die der Landeskasse zufließen. Der studierte Mediziner wird zum Erfüllungsknecht staatlicher Vorgaben. Eine staatliche und behördliche Misstrauenskultur tritt an die Stelle von Anerkennung ureigener Kompetenzen und Verantwortung.

Die Regelungsdichte konterkariert die Behandlung alter und behinderter Menschen

Genau genommen ist der Gesetzgeber gerade dabei, mit seiner Verordnungsflut das junge Pflänzchen der Behandlung alter immobiler Menschen und von Menschen mit Behinderungen bei der aufsuchenden Betreuung außerhalb zahnärztlicher Praxen totzugießen. Denn wie sollen alle Hygiene-Auflagen in häuslichen Verhältnissen sowie Alten- und Pflegeheimen unter den dortigen Gegebenheiten vorschriftenkonform erfüllt werden, ohne dass sich der Zahnarzt angreifbar durch Behörden und Ämter macht?

Jetzt steht das Trinkwasser in der Zahnarztpraxis auf der Agenda, obwohl es beispielsweise in Niedersachsen – und das mag für andere Bundesländer ebenso gelten – keinen einzigen belegten Fall einer Legionellose nach Behandlung in einer Zahnarztpraxis gibt!

Gegenwärtig lässt sich kein Ende der gesetzlich  induzierten Bevormundung absehen. Die Verordnungsfabrikanten in Brüssel und Berlin werden sich weiterhin offen gegenüber fachlicher „Beratung“ durch Interessenvertreter zeigen und immer neue Geschäftsfelder zur Freude der Lobbyisten freigeben. Was sollte die Kreativen daran hindern, die Einmal-Türklinke, die tägliche Desinfektion der Fußmatte oder zumindest die Begasung der Behandlungszimmer nach jeder Abszesseröffnung zur Pflicht werden zu lassen?

Der Branchenführer der Desinfektionsmittelindustrie hatte im Jahr 2010 bei nur rund 440 Mitarbeitern in Deutschland  einen Jahresumsatz  von 165 Mio. Euro vorzuweisen, an dem die Praxen und Krankenhäuser in Deutschland erheblichen Anteil gehabt haben dürften. Eine Prosperität, die man anhand der Produktpreise gut nachempfinden kann; denn ein Liter eines segensreichen Desinfektionsmittel-Konzentrates kann 16 Euro kosten und damit einem guten Scotch  entsprechen, der zweifelsfrei aufwendiger in der Produktion ist, besser schmeckt und zudem bekömmlicher ist. Gut zu wissen, dass jener Marktführer 2008 mit 1,6 Mio. € Fördergeldern aus EU- und Landesmitteln unterstützt wurde.

Keime bis in die Kanalisation verfolgen?

Anstatt in Zahnarztpraxen Keime bis in die Kanalisation zu verfolgen, sich in Gedanken über haftungsrechtliche Aspekte beim Umfüllen großer Desinfektionsmittel-Gebinde in kleine zu verlieren oder sich über die Kompetenz von „Trittleiterbeauftragten“ zu sorgen, könnten sich die Verordnungsgeber und deren Abgesandte mit ganz anderen Problemkreisen wie beispielsweise der MRSA-Bekämpfung beschäftigen: So ist es beispielsweise einem Landwirt in einigen Krankenhäusern immer noch möglich, direkt aus dem antibiotisch bis über jedes medizinisch erklärbare Maß hinaus abgedeckten Mastbetrieb bis an das Intensiv-Krankenbett vorzudringen, ohne dass die Alarmglocken schrillen. In namhaften Krankenhäusern begnügt man sich noch heute mit hilflos erscheinenden Aktionen und Appellen für eine ausreichende Händedesinfektion. Wo bleibt das gesetzlich vorgeschriebene MRSA-Screening bei der Aufnahme? Hier zeigt der Gesetzgeber seine Ambivalenz. Dort, wo er Einfluss und Verantwortung besitzt und als Kostenträger auftritt, regiert gnadenlos der Rotstift, während er in freiberuflich und eigenverantwortlich geführten Praxen staatliche Willkür und Fremdbestimmung befördert, ohne die Frage nach Kosten oder Notwendigkeit zu stellen.

Es scheint so, dass der Gesetz- und Verordnungsgeber noch nicht realisiert hat, dass Zahnarztpraxen mit dem stets keimbelasteten „Operations-Biotop“ Mundhöhle nicht mit denselben strikten und im Krankenhausbereich notwendigen Hygieneanforderungen  überzogen werden müssen, wie sie beispielsweise in der Thoraxchirurgie gelten.

Dabei können Zahnärzte auf einen validen Musterhygieneplan von BZÄK und DAHZ zurückgreifen, der neben den Richtlinien und Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine sinnvolle Zusammenfassung der notwendigen Maßnahmen und Arbeitsanweisungen darstellt. Bei alledem muss man dem Berufsstand aber das Recht zur Eigenverantwortung als Freier Beruf belassen, und niemandem ist auf Dauer damit geholfen, ihn zum Erfüllungsgehilfen idealistisch-theoretischer Vorstellungen zu degradieren. Eine umfängliche Ausbildung an den Hochschulen und die Zahnärztekammern sind ausreichende Garanten für eine verantwortungsvolle Berufsausübung des Zahnarztes! Dieses System hat sich über viele Jahrzehnte auch ohne Hygiene-Hybris bewährt.

Und, um Missdeutungen dieser Zeilen vorzubeugen: Natürlich besitzen Hygienerichtlinien, noch dazu in einer globalisierten Welt, einen hohen, wenn nicht einen zentralen Stellenwert in den Praxen. Aber die Beachtung von Verhältnismäßigkeit, Praktikabilität und die Achtung der Eigenverantwortung des ärztlichen Berufsstandes müssen wieder in den Vordergrund gerückt werden.

Und weil ein Hoffen auf Einsicht bei der Politik erfahrungsgemäß vergebens ist und sich der Druck durch den Gesetzgeber weiter erhöhen dürfte, könnte auch an das bisher Undenkbare gedacht werden. Der Gedanke an eine an den Strukturen erfolgreicher Gewerkschaften ausgerichteten bundesweiten „Ärztegewerkschaft Gesundheit“, in der sich freiberufliche Ärzte und/oder Zahnärzte zusammenschließen, um ihren Interessen und berechtigten Forderungen den nötigen Nachdruck zu verleihen, ist vielleicht nicht ganz abwegig. So gibt es in Frankreich den nationalen zahnärztlichen Gewerkschaftsbund namens „Confédération nationale des syndicats dentaires“. Und an erfahrenen und kampferprobten Führungspersönlichkeiten aus den Reihen erfolgreicher Gewerkschaften dürfte es nicht mangeln.

Dr. Michael Loewener, Wedemark

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