Donnerstag, 26.04.2018

Aufgespießt

NRW-Justizminister: "Wenn der Zahnarzt sechs Monate seinen Porsche stehen lassen muss, trifft ihn das viel mehr als eine Geldstrafe".

25.06.2014 21:08

"Offener Brief an den Justizminister"

In der Rheinischen Post vom 25.06.2014 findet sich ein Interview mit dem nordrhein-westfälischen Justizminister Thomas Kutschaty.

http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_69964214/strafe-fuer-steuerhinterziehung-nrw-justizminister-fordert-fahrverbot.html

In diesem Interview wird der Minister u. a. mit folgendem Satz zitiert:

"Wenn der Zahnarzt sechs Monate seinen Porsche stehen lassen muss, trifft ihn das viel mehr als eine Geldstrafe".

Grund genug, einen „offenen Brief“ an den Herrn Minister zu schreiben, meint die zfn-online-Redaktion. Lesen Sie selbst. Eine (befriedigende) Antwort wird wohl kaum zu erhalten sein:
red

An den Herrn Minister für Justiz
des Landes Nordrhein-Westfalen

Thomas Kutschaty
Martin-Luther-Platz 40
40212 Düsseldorf
                                                                          offener Brief

Bissendorf, den 25.06.2014

Interview in der Rheinischen Post vom 25. Juni 2014

Sehr geehrter Herr Minister Kutschaty,

wenn die "Rheinische Post"  in ihrer Ausgabe vom 25.Juni 2014 richtig zitiert hat, dann haben Sie in einem Interview im Zusammenhang mit Strafzumessungen und Sanktionsmöglichkeiten für Schwarzfahrten bis hin zum Steuerbetrug wörtlich  gesagt:

"Wenn der Zahnarzt sechs Monate seinen Porsche stehen lassen muss, trifft ihn das viel mehr als eine Geldstrafe".

Ein für sich betrachtet banaler Satz, mit dem Sie allerdings einem Klischee gerecht geworden sind, das sich bei vielen schlecht oder ungenügend informierten Mitmenschen verfestigt zu haben scheint, und das sich auf ein hohes Maß an Unkenntnis über die gegenwärtigen wirtschaftlichen Gegebenheiten eines ganzen Berufsstandes in Verbindung  mit einer unguten Portion Missgunst stützt.

Die Betonung des porschefahrenden Zahnarztes und seiner "Gattin" ist im Übrigen fast so alt wie das Godesberger Programm von 1959 - und ebenso renovierungsbedürftig. Neidfaktor als politischer Motivationsschub - das passt nicht mehr in die Zeit. Wundern Sie sich also bitte nicht über entsprechende "allergische" Reaktionen.

Zum einen würde es viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, alle betriebswirtschaftlichen Parameter für eine korrekte Einschätzung der Einkommenssituation selbstständig tätiger Zahnärzte darzulegen, zum anderen erscheint das angesichts anderer Berufsgruppen mit ähnlichen Einkommensverhältnissen wie Architekten, Anwälten, Steuerberatern, Managern, Vorständen und nicht zuletzt Politikern sinnlos.

Die Bemerkung erschreckt ferner durch ihren Verallgemeinerungscharakter, der im Zusammenhang mit einer zusammenhanglosen fach-politischen Bewertung entstehen kann. Ich gehe zwar davon aus, dass das nicht Ihre Intention war, einen Berufsstand zu diskreditieren, bin aber irritiert, solche populistischen Formulierungen öffentlich aus dem Mund eines Landesministers zu erfahren. Eigentlich sollte sich ein Minister unvoreingenommen allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen verpflichtet fühlen  -  und auch denen gegenüber, die der Volkswirtschaft durch ihren verantwortungsvollen Einsatz die notwendige Dynamik verleihen. Dabei kann es sich um Arbeiter, Angestellte, Geschäftsführer, Vorstände und Beamte, aber eben auch um Zahnärzte handeln.

Sehr geehrter Herr Kutschaty, möglicherweise werden Sie diese Reaktion für überzogen halten. Aber bedenken Sie bitte, dass sich auch Ihr Berufsstand nicht fortgesetzt öffentlich-populistischen Äußerung ausgesetzt sehen möchte, derer es ebenso einige gibt.

Und noch ein Tipp zum Schluss: Wenn Sie das vermeintliche Einkommen als politische Argumentationshilfe nutzen möchten, dann bedienen Sie sich als Zielgruppe doch aller Mitbürger, die ein Auto jenseits der fünfzigtausend-Euro-Klasse fahren (lassen).

Schöne Grüße aus Hannover

Dr. Michael Loewener

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