Freitag, 20.07.2018

Aufgespießt

Alter Mief statt frischer Wind

25.05.2014 20:02

Wie die HÖR ZU durch Agitation ihr Niveau senkt

Nachdem die öffentlich-rechtlichen Medien vielfach von der reinen Nachrichtenvermittlung zur vorverdauten Meinungspräsentation übergegangen sind, kann es eigentlich nicht wundern, dass Printmedien nachziehen. Mit dem Erscheinen der HÖR ZU vom 23.05.2014
fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit, als sich „Spiegel“ und „Stern“ im Zahnarzt-Bashing überboten. Jahre später hat nun die HÖR ZU den Ladenhüter entdeckt und versucht, die Auflage durch das Wecken von vermuteten Neidgefühlen und Missgunst bei ihren Lesern zu verbessern. Ob das angesichts einer ziemlich aufgeklärten Leserschaft gelingt, bleibt glücklicherweise fraglich. Was in der HÖZ ZU als Aufmacher und getarnt als Ratgeber für Patienten daherkommt, entpuppt sich beim Lesen als eine Ansammlung abenteuerlicher Realitätsferne, als Folge von Unwissen und vor allem von Voreingenommenheit, die jede journalistische Zurückhaltung und Ausgewogenheit vermissen lässt. Einzelfälle, die es durchaus gibt und die  - ein jeder für sich - Patienten und dem Berufsstand gleichermaßen Schaden zufügen, werden blumig beschrieben. Und, was noch schlimmer ist, so aufbereitet, dass sie als allgemein gültig vom Leser aufgenommen werden. Da hilft es auch wenig, wenn der Autor Stefan Vogt das Ende seines Elaborates mit der versöhnlich anmutenden Zeile schmückt: „Es gibt viele seriöse Zahnärzte, denen man vertrauen kann“. Für die große Zufriedenheit der Patienten mit der Versorgungsqualität in Deutschland spricht beispielsweise eine Umfrage im Jahr 2011, bei der 83 % der Befragten ihre Zufriedenheit mit gut bis sehr gut bezeichnet haben. In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zur Zufriedenheit mit eingegliedertem Zahnersatz zeigten sich weniger als 2 % der Versicherten mit ihrer Kronen- oder Brückenversorgung „eher unzufrieden" oder „sehr unzufrieden".
Sind all diese Menschen ihren Zahnärzten auf den ausgestrichenen Leim gegangen?

Um nicht missverstanden zu werden. Natürlich müssen Unrecht und Unkorrektheit benannt werden, und auch der Berufsstand darf sich nicht scheuen, die berühmten „schwarzen Schafe“ weiterhin zu sanktionieren. Aber von einer Veröffentlichung mit journalistischem Anspruch verlange ich Ausgewogenheit und nicht den Gesamteindruck eines Hetzartikels. Ich verlange Verantwortung statt einen verengten Blickwinkel, hinter dem sich vermutlich in Wahrheit der Wunsch nach Steigerung der Auflage verbirgt.

Unter dem Titel „Skandal-Akte Zahnarzt- wie Sie sich vor Abzocke schützen“, legt die HÖR ZU ein Titelblatt vor, dass, ganz abgesehen von der reißerischen Darstellung eines goldzahnhaltenden Zahnarztes, dem die Fünfhunderter bereits aus der Kitteltasche wachsen, mit zeitgemäßer grafischer Gestaltung so viel gemein hat wie Fußpilz mit Wellness. Das ist aber das Problem der Macher dieses Blattes, nachdem es von Springer an die Mediengruppe Funke veräußert worden ist.

Was fast noch schlimmer ist als das Zerrbild, das der Autor in seiner Minderleistung hinlegt, sind die hilfswilligen Zitate einer Zahnärztin aus München, einer „Expertin“ der sogenannten Unabhängigen Patientenberatung (UPD) aus Potsdam und, man lese und staune, der DAZ-Vorsitzenden. Gerade in einer Zeit, wo man seitens des Berufsstandes auf oberer Ebene im Begriff ist, eine gemeinsame und am Patientennutzen ausgerichtete Gesprächsbasis mit der UPD zu finden, erscheinen unausgewogenen Verlautbarungen als Rückschlag in der Sache. Bei der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) existiert eine „Arbeitsgemeinschaft Patientenberatung“. Sie begleitet aktiv die Zusammenarbeit mit der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“ (UPD) im Rahmen eines Koordinierungsabkommens zwischen ihr, der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der UPD. Das Ziel der Vereinbarung ist der gegenseitige Informationsaustausch und die Verbesserung der jeweiligen Angebote zum Nutzen der Ratsuchenden in der Patientenberatung. Gab es nicht genügend Zeit für eine ausgewogene Recherche?
Im gesamten Artikel findet sich kein einziger Hinweis auf die auch aus Patientensicht erfolgreich arbeitenden Beratungseinrichtungen und Hilfestellungen in Streitfällen durch die zahnärztlichen Körperschaften.
Neben der Stimmungsmache gibt es natürlich auch wertvolle Ratschläge. Zum Beispiel denjenigen, dass man die Güte einer Praxis u. a. am „Staub im Wartezimmer“ erkennt; denn er „ist ein schlechtes Zeichen. Dann mangelt es oft auch in den anderen Behandlungsräumen an Hygiene“, warnt der Ratgeber seine Leser. Angesichts der gesetzlich geforderten und überwachten Hygiene-Hypertrophie in deutschen Zahnarztpraxen verbietet sich jeder weitere Kommentar zu dieser Art Lebenshilfe der HÖR ZU.

Hier einige weitere Zitat-Auszüge:

Zahnärztin aus München:
„Bei der Generierung von Zuzahlungen sind der Fantasie offenbar keine Grenzen gesetzt“ … „Ein anderer Zahnarzt wolle zum Kassentarif nur einen halben Wurzelkanal behandeln“… wird ihr in den Mund gelegt.

Unabhängige Patientenberatung:
„Zahnärzte haben in den letzten Jahren ganze Arbeit geleistet…viele Patienten glauben mittlerweile, dass Zahnersatz generell sehr kostspielig ist“
„Stellen Sie ihre Ohren auf Durchzug, bis die eistudierten Sprüche abgespult sind…“
„Meist reicht die Regelversorgung aus. Glauben Sie nicht den Angstmachern!“

DAZ-Vorsitzende:
„Teilweise wird Patienten vermittelt, es gebe zwischen Prophylaxe und Implantat keine Zwischenlösung mehr“
„Die Rechnung später teurer zu gestalten, das kriegt man schon hin“

Und hier noch einige Text-Auszüge, die den Tenor des Artikels zum Ausdruck bringen:
„Skandal-Akte Zahnarzt – wie Sie sich vor Abzocke schützen“
„Meister im Tricksen und Täuschen“
„Womit Zahnärzte am meisten kassieren“
„Der Übervorteilte Patient“
„Abzocke mit Implantaten“
„Aufpolierte Preise“
„Das große Geschäft mit den Kleinen“
„Eine goldene Nase verdienen“
„Vorsicht vor teuren Therapien der Ärzte“
„…wie Sie sich am besten gegen Pfusch und Abzocke wehren“
„So gut verdienen Zahnärzte. Auf die Spitze getrieben…“

Und

Wer schützt eigentlich die Patienten vor der HÖR ZU-Werbung für „Vitaminkuren“ in direkter Nachbarschaft zu dem besagten Artikel oder Massageauflagen für Bürostühle, die das Blatt ebenso abdruckt? Sollte der Verbraucher/Patient am Ende mündiger sein, als es die „Journalisten“ der HÖR ZU für möglich halten? Liebe HÖR ZU-Macher, bleiben Sie  bei Ihrem Metier -  bei Programmberichterstattung, Horoskopen und Kreuzworträtseln. Überlassen Sie Ratschläge denen, die etwas von ausgewogenem Journalismus verstehen.

Dr. Michael Loewener, Wedemark

Zahnärzte für Niedersachsen – ZfN

Zurück