Freitag, 21.07.2017

Aktuell

Der WDR senkt sein Niveau

11.03.2017 18:13

Eine kritische Betrachtung des WDR-Beitrages „Servicezeit“ vom 08. März 2017: "IGeL" – Sinnvolle Gesundheitsleistung oder Geldmacherei?

Eines vorweg. Der Westdeutsche Rundfunk zeichnet sich, nicht zuletzt durch das nachhaltige Wirken von Fritz Pleitgen, grundsätzlich als Qualitätssender aus. Wer beispielsweise WDR 5 regelmäßig hört, wird täglich mit ausgewogenen und interessanten Beiträgen verwöhnt. Umso mehr muss es überraschen, dass der WDR einen Fernsehbeitrag ausstrahlt, der an Unausgewogenheit kaum zu toppen ist. Im ersten Teil der Sendung vom 8. März werben der Autor und sein einsilbiger Kronzeuge Gregor Bornes für die Ergebnisse des „IGeL“-Monitors des Medizinischen Dienstes des Bundes der Krankenkassen. Auf dieser Plattform werden Leistungen und Nutzen subjektiv von den Kassen bewertet. Von mehreren hundert dieser „individuellen Gesundheitsleistungen“ erfahren dort lediglich drei die Gnade der Anerkennung durch die Krankenkassen. Alle anderen werden als unklar oder sinnlos bewertet.

Was den Fernsehbeitrag abqualifiziert, ist nicht die darin geäußerte Kritik, der man in Teilen durchaus folgen kann, sondern die einseitige Darstellung, die keinerlei Widerspruch duldet.

Nach der Abarbeitung des IGeL-Komplexes verspürt der Reporter unvermittelt den dringenden Wunsch, seinen Verriss zu krönen. Und wer würde sich besser dazu eignen als der „Klassenfeind“ Zahnarzt?

Und es geht noch schlimmer

Und es geht noch schlimmer“, beginnt der Reporter seinen Bericht über die Niedertracht von Zahnärzten, und er bedient sich dabei des in diesen Fällen üblichen weichgezeichneten Umrisses einer jungen Frau mit „nachgesprochener Stimme“. Ein erprobtes Mittel, um Unterstellungen publikumswirksam zu inszenieren – selbst wenn sie keinerlei Beweiskraft besitzen und zu vermuten ist, dass sie frei erfunden sind.
„Ich treffe eine Frau, die als Zahnarzthelferin bei mehreren Ärzten gearbeitet hat“, beginnt der Autor seine Anklage und fährt fort „ Was die 32-jährige erlebt hat, zeigt, wie schnell aus einem Patienten ein Kunde gemacht wird“. „Was haben Sie im Praxisalltag erlebt?“, fragt der Reporter seine Weichzeichnung, die ihr Leid klagt: „Die schlimmsten Sachen, die ich erlebt habe, waren, dass Zahnärzte oft gesagt haben, …es gibt Karies … wo keiner war. Den Leuten z. B. eine Krone empfohlen wurde, wo man ganz klar sagen muss, es ist noch gar nicht notwendig. Also teilweise werden Zähne angebohrt, um hinterher auch bewusst Kronen draufzusetzen“.

„Haben Sie mal einen Zahnarzt, bei dem Sie gearbeitet haben, angesprochen … warum haben Sie das jetzt gemacht … das war doch eigentlich gar nicht notwendig“ fasst der besorgte Reporter nach. „Ja, das habe ich öfter gemacht. Dann wird man schon unter Druck gesetzt, dass man seinen Job schnell verlieren könnte. Und ich kann einfach nicht mehr damit leben, dass den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen wird und die Gesundheit nicht im Vordergrund steht“.

Diese und ähnliche Inszenierungen mit diffamierendem Hintergrund sind durch unsere Pressefreiheit gedeckt – und das ist prinzipiell auch gut so.

Aber – mit demselben Recht behaupte ich, dass es sich bei diesem Beitrag um eine der übleren Tendenzberichterstattungen zur Verbesserung der Zuschauerquote auf dem Rücken eines Berufsstandes handelt! Ich behaupte ferner bis zu dem Zeitpunkt, an dem Anklage gegen einen der erwähnten Ärzte erhoben worden ist oder die „Zeugin“ ihren eigenen Namen oder diejenigen der angeschuldigten Zahnärzte gegenüber der zuständigen Zahnärztekammer oder Kassenzahnärztlichen Vereinigung genannt hat, dass die in der Sendung durch eine Schauspielerin vorgetragenen Anschuldigungen unwahr und frei erfunden sind!

Wenn zahnärztliches Fachpersonal Kenntnis über die geschilderten Umstände erlangt, so ist es nicht nur ihr Recht, sondern geradezu ihre Pflicht, Anzeige zu erstatten – bei der zuständigen Zahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen Vereinigung oder der Staatsanwaltschaft. Dort geht man nach geltender Rechtslage konsequent und nicht zuletzt aus Eigeninteresse entsprechenden Vertrags- und Rechtsbrüchen nach. Und noch etwas: Als Fachkraft sollte die „Zeugin“ wissen, dass der Begriff „Karies“ weiblich ist!

Dr. Michael Loewener
Wedemark

http://www1.wdr.de/verbraucher/gesundheit/igel-leistungen-116.html